Forschungskatalysator Promotionen

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Die h2 kann neben Bachelor- und Masterabschlüssen nun auch den Doktorgrad in Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie in Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften vergeben. Den Prozess begleitet und zum Erfolg geführt hat hochschulseitig federführend die Prorektorin für Forschung, Entwicklung und Transfer, Prof. Dr. Kerstin Baumgarten.

Im Unterschied zu den Universitäten, bei denen sich das Promotionsrecht über die gesamte Institution erstreckt, erhalten Hochschulen für angewandte Wissenschaften das Promotionsrecht ausschließlich in Forschungsbereichen, in denen sie bereits forschungsstark sind. Für die Hochschule Magdeburg-Stendal wurde schnell deutlich, dass wir aufgrund der Forschungsstärke sowohl ein hochschuleigenes Promotionszentrum „Umwelt und Technik“ einrichten und uns darüber hinaus an einem hochschulübergreifenden Promotionszentrum „Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften“ mit den Hochschulen Anhalt, Harz und Merseburg beteiligen.

Im Juni 2022 konnten wir uns über die Vergabe des Promotionsrechts durch den Minister Willingmann freuen. Dieser Moment war ein Meilenstein und Startpunkt zugleich, denn das Ministerium hat das Promotionsrecht zunächst auf zehn Jahre begrenzt, dann wird evaluiert, ob die Zentren berechtigt sind, ihre Arbeit fortzuführen. Die ersten Promotionsverfahren starteten bereits – wir stellen euch Julius, Daniel, Michael, Daniela und Marcel mit ihren sehr unterschiedlichen Promotionsprojekten vor.

An Apple a day

Bevor ein Apfel im Supermarkt landet, durchläuft er oftmals eine aufwändige Supply Chain. Dies bezeichnet die gesamte Logistikkette eines Produktes, von der Rohstoffgewinnung über die Bestellung bis zur Lieferung zum Endverbraucher. Julius beschäftigt sich in seiner Doktorarbeit mit dem Klimaschutz-Potenzial in genau diesen Logistikketten.

Das Thema für die Dissertation, zu dem Julius am hochschulübergreifenden Promotionszentrum „Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften“ der Hochschulen Anhalt, Harz und Merseburg arbeitet, trägt den Arbeitstitel „Dekarbonisierungspotenzial von Logistik 4.0-Technologien in Apfel-Lieferketten“. Er will sich mit Klimaschutzpotenzialen für Äpfel-Supply-Chains beschäftigen, erklärt er. Die zentrale Frage dabei: Wie können Versorgungsketten CO2-frei gestaltet werden? Um die Thematik greifbar zu machen, konzentriert sich der Doktorand auf das Obst, das etwa 70 Prozent am deutschen Markt und fast die Hälfte der gesamten Anbaufläche ausmacht. 

Julius hat das Ziel, mit Unterstützung seiner beiden Betreuer am Ende einen Maßnahmenmix vorzulegen und verschiedensten Stakeholdern fundierte Handlungsempfehlungen liefern. „Unterm Strich“, sagt er, „geht es darum, Kohlendioxid aus Lieferketten zu verbannen und damit die Welt wieder ein bisschen besser zu machen.“

„Die Zeit ist reif“, so die einhellige Meinung der Professoren, deren Wege Julius mehrfach gekreuzt hat. „Sie hatten recht“, sagt der 32-Jährige. Mit der Veröffentlichung seines wissenschaftlichen Vergleichs der „Apfelversorgung in Geschichte und Gegenwart“ befolgte er den ersten Rat seiner wissenschaftlichen Betreuer: Um das Thema für die geplante Doktorarbeit zu schärfen, sollte der angehende Promovend einzelne Aspekte beleuchten und publizieren. Seine zweite Veröffentlichung drehte sich um „Logistik 4.0“ und baute die Brücke zum Thema Versorgungsketten. 

Zu diesem Thema arbeiten auch seine beiden Betreuer: Prof. Dr. Fabian Behrendt mit der Professur für Produktionswirtschaft und Logistik und einem besonderen Interesse für die Nachhaltige Betriebswirtschaftslehre an der h2 und Dr. Sebastian Trojahn, Professor für Supply Chain, Operation Management und Digitalisierung der Hochschule Anhalt.

 

 

Alles im Fluss

Für Daniel markiert die Möglichkeit, „an seiner Hochschule“ seinen Doktor zu machen, einen „wichtigen Meilenstein“ seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Die begann damit, dass sich der Niedersachse nach dem Abitur für den Hochschulstandort Magdeburg mit den ausgeprägten technischen Studiengängen entschied, unter anderem, „weil hier der Umweltgedanke als essenzielles Zukunftsthema eine Rolle spielt.“ 

Ein Thema hatte es dem jungen Studenten bereits besonders angetan. „Ich fand die Vorlesungen zum Sedimenttransport bei Prof. Ettmer spannend“, erinnert er sich, „es faszinierte mich, dass man diesen Prozess berechnen kann.“ Er tauchte tief in die Materie ein. Seine Masterarbeit drehte sich darum, wie man die von einem Fluss transportierten Sedimentmengen genau einschätzen kann, aber auch, welche Grenzen die bestehenden Berechnungsverfahren aufwiesen.

 

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Wasser, Umwelt, Bau und Sicherheit betreut Daniel heute zahlreiche Projekte der angewandten Forschung und kann dabei bei Ausstattung und Expertise aus dem Vollen schöpfen. In zwei Laboren simuliert das Team in Anlagen, was sich in Flüssen physikalisch abspielt. Mit Prof. Dr.-Ing. Bernd Ettmer hat der Wasserbau-Ingenieur einen versierten Wissenschaftler auf dem Gebiet „Hydraulik und Sedimentbewegung in Flüssen“ an seiner Seite. Er bestärkte ihn vor Jahren auch darin, eine Dissertation zu verfassen, die sich der Prognose von Sedimenttransporten in sandgeprägten Flüssen widmet. 

„Wenn das Wasser die Elbe hinabfließt, bringt sie Sande und Kiese mit“, erklärt Daniel, „in großen Flüssen wie der Elbe, können in einigen Bereichen mitunter mehrere hunderttausend Tonnen Sedimente im Jahr verfrachtet werden, was umgerechnet mehreren tausend Lkw-Ladungen entspricht. Wenn wir den Fluss verändern, beeinflussen wir diesen Transport.“ Wie unerwünschte Folgen aussehen können, sieht Daniel Hesse, wenn er Satelliten-Bilder der Alten Elbe aus mehreren Zeiträumen vergleicht: Zu sehen sind wachsende Sediment-Mengen, die der Hauptstrom eingespült hat. Der Grund: „Das Wasser mit dem Sediment kann hier nicht mehr gut abfließen.“ Problematisch werde das, wenn die Elbe einen erhöhten Pegel hat. Seine Doktorarbeit soll deutlich machen, „dass wir sehr genaue Kenntnisse und Berechnungen zu den transportierten Sand-Mengen benötigen, um uns für Hochwasser zu wappnen und auf Niedrigwasser vorbereitet zu sein.“

Rassistische Denkmuster durchbrechen

Nach einer Ausbildung zur Arzthelferin wollte Daniela zurück in die Schule, mehr lernen und begreifen. Sie holt ihr Fachabitur nach, erwirbt ihr Vordiplom in Gesundheits- und Sozialwirtschaft und schließt ein Bachelorstudium der Sozialwissenschaften an. Im Klima der studentischen Proteste gegen die Bologna-Reform beschäftigte sich die damals Mitte 20-Jährige intensiver mit sozialer Ungleichheit, Sexismus und Rassismus. Ihr Weg führt weiter über ein Masterstudium in Soziologie in Frankfurt am Main und zur Gewissheit, ihre berufliche Heimat in der Wissenschaft gefunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt fliehen immer mehr Menschen nach Europa. „Für mich war klar: Ich spezialisiere mich auf Genderfragen und Migrationssoziologie.“

Sie lernt die Diskursanalyse kennen, ein Werkzeug, das sie auch in ihrer Dissertation einsetzt. Unter einem Diskurs werden die Aussagen in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Thema und einer bestimmten Zeit verstanden. Also Texte und Begriffe, aber auch Regeln, die wiederum Denkweisen und Sprachen festlegen. Wie dieser Diskurs in Bezug auf Flucht und Migration ganz konkret in Deutschland aussieht, interessiert Daniela ganz besonders.

Sie wird als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Göttingen Teil eines Forschungsverbundes, wo sie ihre spätere Doktormutter Prof. Dr. Elke Grittmann kennenlernt, heute Lehrstuhlinhaberin am Institut für Journalismus der Hochschule Magdeburg-Stendal. 

„Wir haben uns angeschaut, wie lokale und überregionale Zeitungen Flucht und Gender miteinander verknüpfen. Dem zugrunde lag die Annahme, dass journalistische Medien nicht nur über gesellschaftliche Ereignisse wie die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 berichten, sondern durch ihre Themensetzung und die Art der Darstellung ein spezifisches Wissen erzeugen. Mein Ziel wurde es, herauszufinden, wie im Kontext von Flucht und Aufnahme über Unterstützung, Unterbringung und den Zugang zum Arbeitsmarkt berichtet wird und welches vergeschlechtlichte und rassifizierte Wissen dabei konstruiert wird.“ Die Wissenschaftlerin schreibt den Medien insofern eine große Macht zu, als sie an der (Re-)Produktion von Diskursen maßgeblich beteiligt sind. Aber es fehle häufig an einem entsprechenden Bewusstsein unter Medienschaffenden.

Daniela bemüht sich um die Verlängerung ihres Graduiertenstipendiums von der Hochschule Magdeburg-Stendal, um ihre Dissertation fertigstellen zu können. Von Schreibroutine konnte seit Corona zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung keine Rede sein, meint die 39-Jährige. Aber die Mühe lohnt sich, denn „die Promotion öffnet mir Türen.“ Sie wolle weiter forschen, tiefer in die Themen vordringen, aber vor allem lehren.

Fühlen, begreifen, lernen

Wir alle nehmen unsere Umwelt unterschiedlich wahr. Womit wir sie wahrnehmen, ist allerdings gleich: mit Augen und Ohren, Nase, Mund und Händen. Einem Sinnesorgan schenkt Michael ganz besondere Aufmerksamkeit – dem Tastsinn. Was in unserer Kindheit für das Entdecken und Lernen ganz selbstverständlich war, scheinen wir als Erwachsene zu vernachlässigen. Dabei kann es beim Lernen und Verstehen helfen, zu tasten und zu fühlen. Bislang ist der Einfluss haptischer Wahrnehmung beim Lernen für Schüler:innen der Sekundarstufe oder im Studium unzureichend untersucht.

Michael promoviert als einer der ersten Doktoranden am hochschulübergreifenden Promotionszentrum Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften, konkret im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal. Seine Doktormutter, Professorin Dr. Steffi Zander kennt er bereits aus vorangegangenen Projekten und ihr folgte er daher nach Stendal, wo sie im Studiengang Rehabilitationspsychologie lehrt.

In seiner Dissertation wird er die Rolle der haptischen Wahrnehmung beim Lernen in realen und vor allem virtuellen Umgebungen. Bevor er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Hochschule kam, absolvierte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Es folgten Bachelor- und Masterstudium in Medien und Kommunikation sowie Kinder- und Jugendmedien. Während seiner Anstellung an der Bauhaus-Universität Weimar beschäftigte er sich intensiv mit Lernprozessen und Lernumgebungen. Und weil ‚Irgendwas mit Medien’ schon immer eines seiner Steckenpferde war, stellt die Dissertation die Verbindung beider Interessengebiete her.

 

 

 

In seinem Forschungsvorhaben nimmt er haptische Lernpräferenzen und deren Bedeutung für Lernen und Motivation im virtuellen Raum genauer in den Blick. Dazu entwickelt der Doktorand einen Fragebogen, über den Probanden nach ihrem „Need For Touch“ befragt werden – ihrem Bedürfnis, Dinge beim Lernen anzufassen. Anhand der Ergebnisse möchte er untersuchen, ob jemand mit einem hohen „Need For Touch“ davon profitiert, wenn Modell beim Lernen eingesetzt werden. Das überprüft er in einem nächsten Schritt experimentell: Testpersonen können die plastischen und virtuellen Modelle eines Gehirns drehen, einzelne Hirnareale herausnehmen und von allen Seiten betasten und betrachten. Beim virtuellen Modell funktioniert das mittels Virtual Reality Brille und einem Datenhandschuh. Die daraus gewonnenen Interaktionsdaten nutzt Michael, um die individuellen Ausprägungen im „Need For Touch“ zu untersuchen und die Bedeutung des Tastsinns beim Lernen in höheren Alterststufen analysieren und verstehen zu können.

Das Energienetz der Zukunft

Marcel überquert regelmäßig den Magdeburger Campus, um zwischen seinem Büro in Haus 8 zur Laborhalle 18 zu kommen. Mit seinem Arbeitsplatz wechselt er damit regelmäßig auch zwischen Theorie und Praxis. Er promoviert als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Elektrotechnik und kennt den Campus noch sehr gut, denn hier schloss er vor 5 Jahren den Studiengang Elektro- und Informationstechnik ab. „Wieder hier zu sein und meine Promotion an dem Ort durchzuführen, an dem meine akademische Laufbahn begonnen hat, ist ein tolles Gefühl“. 

Das Energienetz der Zukunft ist, was ihn heute umtreibt. „Das konventionelle Energienetz, wie wir es kennen, ist im Umbruch”. Die Notwendigkeit, erneuerbare Energien aus Solar-, Wind- und Wasserkraft auszubauen, ist uns allen seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands und der daraus resultierenden Energieknappheit eindringlich vor Augen geführt worden - wenn sie es aus Gründen des Klimaschutzes nicht vorher schon bewusst war. Marcel forscht im Rahmen seiner Dissertation an Lösungen für diese große Aufgabe. 

Sein Schwerpunkt sind Speichersysteme, um die Energie regenerativer Quellen zu speichern. Denn „die Durchdringung von erneuerbaren Energien ohne Batteriespeicher ist haltlos, man kommt nicht daran vorbei“. Unser energetisches Netz laufe in Echtzeit, beschreibt Marcel. „Es muss immer in Balance sein. Scheint die Sonne sehr viel, entsteht eine Überproduktion, das Energiesystem gerät in Ungleichgewicht.“ Im konventionellen Netz werden in diesem Fall Brennöfen heruntergefahren. Der Ausbau erneuerbarer Energiequellen erfordere aber ein Umdenken – weg von global gesteuerten Kraftwerken hin zu einer dezentralen Energieversorgung. Microgrid nennt sich dieser Ansatz, mit dem er sich beschäftigt. Ein kleineres Stromnetz, das sich aus Erzeuger, Verbraucher und zunehmend Speichern zusammensetzt und autark agieren kann. 

„Wir sind umgeben von Energiespeichersystemen. Es gibt nicht nur die klassischen Batterien. Es gibt Elektroautos oder Pumpspeicher, die genutzt werden sollten.“ Nutzen heißt in dem Fall, die überschüssige Energie von Windkraftanlagen & Co zu speichern. In Zukunft könnten also zum Beispiel ruhende E-Autos als zusätzliche Energiespeicher fungieren.

Einen Eindruck davon, womit sich Marcel da konkret beschäftigt, vermittelt das Labor in Halle 18. Dort befinden sich ein großer Datenspeicher und ein 200 Kilowatt Teststand, zwischen denen er Energie „verschiebt“. Als gelernter Elektroanlagenmonteur greift er dabei hin und wieder selbst zu Schlüssel und Zange. „Ich verbringe meine Forschung nicht nur am Schreibtisch, sondern sitze auch mal in einer Anlage und verdrahtet Komponenten“. Das nützt nicht nur ihm selbst, sondern auch den Studierenden, die er in Laborversuchen schult.  Unterstützung bekommt Marcel wiederum von seinem Doktorvater Przemyslaw Komarnicki, der Mitglied im Promotionszentrum Umwelt und Technik ist. Einmal im Monat diskutieren sie innerhalb des Lehrstuhls-Promotionskolloquiums die Ergebnisse, aber auch „bei gemeinsamen Mittagspausen“ wird hin und wieder gefachsimpelt. 

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